Parodontitis ist die Volkskrankheit Nummer eins im deutschen Munde. Sie schreitet über Jahre und Jahrzehnte unbemerkt fort: das Zahnfleisch zieht sich zurück, der Knochen wird abgebaut, die Zähne lockern sich — bis der Patient überhaupt Beschwerden spürt, ist der Schaden häufig schon beträchtlich. Aktuelle Studien zeigen, dass durch vorbeugende Maßnahmen und frühzeitige Diagnostik dieser Verlauf entscheidend verbessert werden kann — wenn denn das Wissen auch endlich in der Praxis ankommt.
Was die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie ergab
Im März 2025 wurden die Ergebnisse der DMS 6 veröffentlicht, die bislang aktuellste bevölkerungsrepräsentative Erhebung zur Mundgesundheit in Deutschland, durchgeführt vom Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ). Rund 14 Millionen Menschen in Deutschland leiden demnach an schwerer, behandlungsbedürftiger Parodontalerkrankung. Bei den 35- bis 44-Jährigen liegt die Gesamtprävalenz nach der Klassifikation von 2018 bei 95,1 Prozent. Davon sind 46,0 Prozent dem Stadium II zuzuordnen, schwere Verlaufsformen der Stadien III und IV betreffen 17,5 Prozent dieser Altersgruppe. Eine positive Botschaft aus den Studienergebnissen: Die Vollzahnlosigkeit nimmt ab. Bei den 65- bis 74-Jährigen sinkt der Anteil der Zahnlosen von 23,2 Prozent in der DMS IV auf 5,4 Prozent, also um etwa 80 Prozent. Die mittlere Anzahl gesunder Zähne im Mund der älteren Menschen nimmt also deutlich zu. Dies geschieht nicht zufällig, sondern ist eine direkte Folge der über Jahrzehnte konsequent betriebenen präventionsorientierten Versorgungsmodelle.
Zahnärztinnen und Zahnärzten, die sich in diesem Themenfeld vertiefen wollen, sei an dieser Stelle auf spezielle Weiterbildungsformate verwiesen, wie etwa den Parodontologie Master der Deutschen Gesellschaft für Implantologie. Hier können aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch in die klinische Anwendung überführt werden.
Risikofaktoren: modifizierbar und systemisch
Parodontalerkrankungen sind keine rein bakterielle Erkrankung. Ihr Entstehen und Verlauf unterliegen einem Zusammenspiel mikrobieller, genetischer und systemischer Faktoren. Rauchen und Diabetes mellitus werden in der S3-Leitlinie der DGZMK als die klinisch relevantesten modifizierbaren Risikofaktoren genannt. Durch beide Mechanismen wird die lokale Immunantwort des Gewebes herabgesetzt, die lokale Durchblutung vermindert und damit die Anfälligkeit für Entzündungen gesteigert und die Wundheilung verlangsamt.
Von ganz besonderer Bedeutung ist die Wechselbeziehung zwischen Diabetes und Parodontitis. Eine schlecht eingestellte Blutzuckerlage verschlechtert den parodontalen Befund, während eine unbehandelte Parodontitis die Insulinresistenz fördert und den HbA1c-Wert ansteigen lässt. Diese Wechselbeziehung beider Erkrankungen ist so gut dokumentiert, dass die AWMF 2024 erstmals eine gemeinsame S2k-Leitlinie zu Diabetes und Parodontitis herausgeben wird und die stärkere Verzahnung zwischen Zahnmedizin und Allgemeinmedizin fordert.
Neben diesen beeinflussbaren Faktoren gibt es auch nicht zu beeinflussende Risikofaktoren wie eine genetische Prädisposition, das Alter und, wie die DMS 6 zeigt, den Bildungsstatus. Patienten mit niedrigem Bildungsstatus weisen signifikant häufiger schwere Verlaufsformen auf, was auf eine soziale Dimension von Mundgesundheit hinweist, die mit rein klinischen Maßnahmen nicht zu lösen ist. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen zudem Zusammenhänge zwischen oralem Mikrobiom und systemischen Entzündungen im Rahmen der Zahn-Darm-Achse. Pathogene Erreger von Parodontitis wie Porphyromonas gingivalis können im Falle einer Dysbiose des oralen Mikrobioms in den gastrointestinalen Trakt gelangen und hier Entzündungen hervorrufen. Die klinische Relevanz dieses Mechanismus wird aktuell intensiv erforscht. Derzeit besteht noch keine wissenschaftliche Evidenz für eine leitliniengerechte Implementierung der entzündungshemmenden Ernährungskonzepte.
Stufentherapie und die Versorgungslücke in der Praxis
Bereits im Juni 2021 trat die Behandlungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) in Kraft. Diese sieht eine strukturierte Stufentherapie vor, beginnend mit einem zwingend vorgeschriebenen Patientenaufklärungs- und Therapiegespräch (ATG) mit anschließender antiinfektiöser Therapie in Form subgingivaler Instrumentierung. Auf diese Behandlung folgt eine mindestens zweijährige unterstützende Parodontitistherapie (UPT), deren Frequenz sich nach dem individuellen Risikoprofil des Patienten orientiert. Früh beobachtete Stadien bieten hier die besten Ansatzpunkte. Stadium I, das laut den S3-Leitlinien eine Übergangsform zwischen Gingivitis und Parodontitis darstellt, ist häufig ohne großen Aufwand durch Prävention noch beherrschbar. Stadium II spricht bei entsprechender Diagnose ebenfalls gut auf die Therapie an. Wer hier ansetzt, erspart sich die Kosten und Mühen für spätere Rehabilitationsmaßnahmen. Trotz einer klaren Versorgungsstruktur klafft jedoch eine gewaltige Lücke. Prof. Dr. Peter Eickholz, Direktor der Poliklinik für Parodontologie am Carolinum der Goethe-Universität Frankfurt und einer der Autoren der DMS 6, schätzte 2024 einer Million abgerechneten Therapiefällen etwa 14 Millionen schwer Erkrankte gegenüber. Warum? Fehlende Diagnostik, mangelhafte Therapiemotivation und zu wenig Kenntnis über die Richtlinie bei Behandelnden wie Patienten spielen hier wohl alle eine Rolle.
Prävention braucht Konsequenz auf beiden Seiten
Die Konsequenz aus dem Forschungsstand für Betroffene ist klar: Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Zahnarzt ermöglichen die Früherkennung. Wer an Diabetes leidet, raucht oder in der Familie Vorbelastungen hat, sollte parodontalen Befunden erhöhte Aufmerksamkeit zukommen lassen und diese Faktoren aktiver im Dialog mit der Zahnarztpraxis einbringen. Bei vorliegender Erkrankung ist die Einhaltung der UPT-Termine das A und O, auch wenn die Symptome nach der Initialtherapie nachlassen. Parodontitis ist eine chronische Erkrankung mit Rückfällen.
Für die Zahnmedizin als Fach ist die DMS 6 ein Auftrag: Die sinkende Zahl der Zahnlosen belegt, was möglich ist. Den gleichen Fortschritt in der Parodontitisversorgung zu erreichen, erfordert jedoch, dass die aktuellen Diagnose- und Therapierichtlinien flächendeckend umgesetzt werden und das nötige Fachwissen dafür vorhanden ist.



